Die Protestanten und der Karneval

Im protestantischen Wuppertal galt der Karneval lange Zeit als "Götzenfest". Bis heute ist das Verhältnis der Wuppertaler zu Prinz Karneval ambivalent.

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Im protestantischen Wuppertal galt der Karneval lange Zeit als „Götzenfest“. Bis heute ist das Verhältnis der Wuppertaler zu Prinz Karneval ambivalent.

Trinken, feiern und sich verkleiden: Das war in Wuppertal jahrhundertelang nur heimlich möglich. Schon im 17. Jahrhundert galten die „Fasnachts- und Saufmahlzeiten“ als unvereinbar mit christlichen Werten. Das „teuflischste aller Götzenfeste”, wie der Velberter Pastor Karl Idem es bezeichnete, schaffte es 1897 sogar mit einer rigiden Mahnung in die Zeitung.

Alle Wuppertaler wurden darin aufgefordert, „angesichts der verwüstenden Wirkungen, welche die mit der Karnevalsfeier verbundenen sittlichen Ausschreitungen auf unser ganzes Volksleben üben, diesem Unwesen nach Kräften entgegen zu treten“. Schließlich ruiniere das ausgelassen in den Nachbarstädten Düsseldorf und Köln gefeierte Fest „ungezähltes Menschenglück, häuslichen Frieden und Wohlstand, jugendliche Unschuld und weibliche Ehre“.

Sittenverfall im Karneval

Mit gutem Grund fühlte sich der Vorstand des „Vereins zur Hebung der öffentlichen Sittlichkeit“ damals genötigt, den „Sittenverfall“ im Karneval zu beklagen. Die Barmer und Elberfelder betrachteten das närrische Treiben in Köln, Düsseldorf und Mainz nicht nur mit großem Interesse. Die Barmer hatten 1866 sogar den ersten öffentlichen Umzug gestartet, wie Historiker Heiko Schnickmann berichtet. Und dabei ein Motto gewählt, das ihre Nachbarn in Elberfeld ärgern sollte: „Wir Barmer können uns das leisten“.

Eduard Edelmann, Präsident zweier Karnevalsgesellschaften und angesehener Inhaber eines Putzgeschäfts, sei auf dem Rosenmontagsumzug sogar als „Prinzess Venetia“ verkleidet und geschminkt aufgetreten, erzählt Schnickmann. Der Grund: Seine Frau, die diese Rolle eigentlich spielen sollte, war erkrankt. Dennoch sei diese aus der Not geborene Aktion bei vielen Protestanten gar nicht gut angekommen.

Maskenball und Armenfürsorge

Auch Maskenbälle waren gestattet. Allerdings musste für die Verkleidung bei der Polizei eine Genehmigung eingeholt werden, die sechs Groschen zugunsten der Armen kostete. Die armen Mitbürger:innen dienten auch bei anderen Karnevalsfeiern als eine Art Alibi, wie Schnickmann berichtet: „In Wupperfeld wurden Gelder für die Armenfürsorge gesammelt, die allerdings im Tresor der Gaststätte vergessen wurden, was dem Wirt eine Anzeige wegen Unterschlagung einbrachte.“

Werbung für den Karnevals-Maskenball 1858

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte schließlich zu einem unerwarteten Ende des Karnevals. „Auch in den 1920er Jahren verhinderten finanzielle Engpässe und mangelnder Mut eine Wiederbelebung, sodass einige Karnevalisten stattdessen nach Köln ausweichen mussten, um an Sitzungen teilzunehmen“, weiß der Historiker. Dennoch blühte die lokale Karnevalskultur langsam wieder auf.

Tippen-Tappen-Tönchen

Das beste Beispiel dafür ist laut Schnickmann das Karnevalslied des aus Mainz stammenden Reinhard Tiefenbach, „Dat Lehnchen vom Tippen-Tappen-Tönchen“, das zum lokalen Schlager wurde. In den 1930er Jahren entstanden verschiedene Karnevalsgesellschaften, die das närrische Brauchtum in der Region neu belebten.

So richtig Fahrt nahm der Karneval nach Recherchen Schnickmanns aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Schon 1948 gründete sich die Prinzengarde der Stadt Wuppertal. Einen eigenen Narrenruf gab es seit 1951 mit „Wupp-Di-Ka“, einer Zusammensetzung aus „Wuppertal – die Karnevalisten“.

KiHo-Geschäftsführer als Karnevalist

Am Rosensonntag wurde der Ratssaal für den Empfang des Oberbürgermeisters festlich umgestaltet und es kam zur feierlichen Stadt-Schlüsselübergabe. „Eine der denkwürdigsten Aktionen in diesem Rahmen war 1977 der Auftritt von Oberbürgermeister Gottfried Gurland, der pünktlich um 10 Uhr mit einer Honda Monkey in den vollen Ratssaal fuhr“, erzählt Schnickmann.

Karneval im Wuppertaler Rathaus

Die Besonderheit: Gurland war auch Geschäftsführer der Kirchlichen Hochschule und stammte aus einer Pfarrersfamilie. „Sein Mitwirken im Karneval unterstrich, dass auch Protestanten aktiv an den närrischen Feierlichkeiten teilnahmen.“

Die moderne Krise des Karnevals

In den letzten Jahren allerdings sei das ambivalente Verhältnis zwischen Prinz Karneval und den Wuppertalern in die Krise geraten, meint Schnickmann. So habe der von den Karnevalisten des Tals schmerzlich vermisste Zug am Rosensonntag seit 2019 nicht mehr stattgefunden.

„Es sind vor allem steigende Kosten, finanzielle Engpässe und fehlende Sponsoren, die eine Rückkehr des Umzugs schwierig machen“, sagt Schnickmann. Trotz dieser Unsicherheiten bleibe der Karneval für viele Wuppertaler aber ein fester Bestandteil der kulturellen Landschaft.

Text: Heiko Schnickmann/Sabine Damaschke
Fotos: pixabay, KK-Archiv, WR

Den ausführlichen Text von Historiker Heiko Schnickmann zum Karneval in Wuppertal gibt es hier.

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